Buch des Monats

FÜR WEN IST DIE "SMARTE" STADT?

Auf handlichen 185 Seiten kommt die Autorin Germaine R. Halegoua ziemlich direkt zur Sache: Sie hat „smart from the start“ Städte besucht, deren Smart-City-Strategien am Reißbrett entworfen wurden, genauso wie Kommunen, die ihren öffentlichen Raum erst nachträglich mit Sensorik ausgestattet haben, sogenanntes „Retrofitting“. Dabei kritisiert sie immer wieder das Zusammenspiel zwischen großen, transnationalen Industrieplayern und viel zu unkritischen Stadtverwaltungen, die große Datensammlungen und digitalisierte Ansätze als Lösung für alle möglichen urbanen Probleme sehen. Halegoua identifiziert vor allem drei Handlungsfelder, in denen sie großen Verbesserungsbedarf sieht – die Digitalisierungsstrategie, die Identifikation der tatsächlichen Probleme einer Kommune und die Einbindung der Bürger:innen als aktive Gestalter:innen des öffentlichen Raums und Lebens.

Die Digitalisierungsstrategie

Halegoua argumentiert, dass die Industrie großes Interesse an Kommunen und deren Digitalisierungsbemühungen hat, weil eine Stadt theoretisch unendlich viele Einsatzmöglichkeiten für Sensorik, Datensammlungen und damit Software- und Hardwarelösungen hat, die man Kommunen andrehen kann; es ist leicht, eine Narrative von Optimierung, Effizienzsteigerung und Vorhersehbarkeit zu schaffen, die vage Versprechungen eines besseren, saubereren, wirtschaftlich erfolgreicheren Lebens macht, ohne dabei wirklich konkret zu werden. Der Ansatz dabei ist ein Förmchenmodell, in dem allen Städten dieselbe Lösung verkauft wird, egal, welche lokalen Probleme eigentlich gelöst werden sollen. Grundlage dafür sind oft Digitalisierungsstrategien, die von Industrievertretern und Beratungsgremien als notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche Implementierung smarter Systeme definiert werden, und in denen oft Bürger:innen, soziale Initiativen oder Vereine im Vorfeld nicht maßgeblich und nachhaltig gehört werden.

"Cities interested in smart city development often begin their journey by creating 'digital roadmaps' that align mayoral or municipal government digital priorities and strategies. By creating a roadmap, municipal executives follow best practices established by industry planning partners and advisory councils that recommend leveraging roadmaps to foster engagement from potential stakeholders."
Smart Cities
Germaine R. Halegoua

Mit einem von der Industrie diktierten Plan sind dann oft schon die Weichen gestellt für eine Smart City Entwicklung, die keinen Raum mehr lässt für eine bedeutungsvolle Beteiligung von Bürger:innen oder für eine nachhaltige demokratische Diskussion der Einsatzgebiete solcher Technologie, da das Rollout im Spannungsfeld Forschung-Industrie-Kommune passiert, von denen nur einer der drei Beteiligten überhaupt demokratisch legitimiert ist. Ob also die angedachte Technologie wirklich im Sinne der Bürger:innen ist, und ob es Möglichkeiten der öffentlichen Evaluierung und der Veränderung der Projektziele einer Smart City geben kann, liegt also überwiegend im Entscheidungsermessen von Entitäten, die nicht im Sinne der Allgemeinheit operieren:

"Corporatization of urban management and neoliberal entrepreneurship are also evident in the private and public partnerships forged between technology industries, universities, and municipal governments in smart cities. Apart from municipal officals, none of these actors are democratically elected, they often function without public input or review, and they focus explicitly on investments and generating profit."
Smart Cities
Germaine R. Halegoua

Was sind die eigentlichen Probleme?

Von Mülleimern, die ihren Füllstand automatisch melden, über automatisierte Parkplatzsysteme, die freie Plätze in Echtzeit melden, bis hin zu Klimastatistiken, Verkehrsfluss- und Abwassermanagement – „smarte“ Lösungen mit dem Internet der Dinge werden in vielen Kommunen als Methoden gesehen, die Stadt zukunftsfähig zu machen. Dabei geht es vor allem um die Steigerung der Effizienz im Servicebereich der Stadt, um die Wirtschaftlichkeit und das Haushalten mit endlichen finanziellen Ressourcen und um das Schaffen einer vorausschauenden Planungsgrundlage mit Hilfe von Big Data. Das übersieht eklatant, dass eine Stadt Freiräume braucht, die menschliches Verhalten zulässt – und dass eine Effizienzmaximierung auf Kosten eines selbstgestalteten, lebendigen öffentlichen Raumes geht, der auch Verhalten erlaubt, das sich nicht vorausplanen oder bestimmen lässt:

"Because smart city systems encourage flow, they disrupt spaces of dwelling, pause, and casual encounters that take place there - no waiting for the bus or for the street light to change, no lingering, no getting lost."
Smart Cities
Germaine R. Halegoua

Wem gehört die Stadt?

Halegoua schlußfolgert deshalb, dass im effizienz- und vorhersagemaximierten Ansatz einer Smart City Bürger:innen vor allem als Konsument:innen und Kund:innen gesehen werden, deren Beteiligung sich allerhöchstens als Generator:innen von Datenpunkten oder einem crowdgesourcten Mängelmelder erschöpft und die oft Teil unkonkreter „urbaner Probleme“ sind, die eine effizienzsteigernde Technologie im kommunalen Bereich „lösen“ will. Sie fordert, dass die Stadt sich auch in Hinblick auf die Smart City auf ihre Kernkompetenz beruft: Nämlich die Verbindung der Menschen untereinander zu fördern, Kommunikation, Gespräche und ein nachhaltiges Miteinander zu ermöglichen, demokratische Prozesse zu stärken und das gemeinsame Suchen nach Problemen und Lösungen vor die Abarbeitung von Plänen zu stellen, die von industriellen Lobbygruppen entworfen und implementiert wurden. Sie nennt dieses digitalisierte Stadtmodell die „soziale Stadt“, also „social city“.

"Emerging social city paradigms emphasize citizen engagement, stewardship, and active production of the city by citizens within democratic or grassroots structures, rather than citizens as bystanders that produce data for a black box."
Smart Cities
Germaine R. Halegoua

Für Halegoua ist damit klar, dass die Implementierung von Sensorik und „smarten“ Ansätzen in einer Kommune nicht nur den eigenen Bürger:innen lieblos und als Pflichtaufgabe kommuniziert werden muss, sondern im Gegenteil Probleme und (digitalisierte) Lösungen mit ihnen auf Augenhöhe als Expert:innen ihrer eigenen Stadterfahrungen definiert und entwickelt werden sollen. Dazu gehört auch ein Augenmerk darauf, dass einige Menschen mit den üblichen Online-Beteiligungsangeboten gar nicht abgeholt werden können, da ihnen zum Beispiel der Zugang zum Internet oder ein webfähiges Endgerät fehlt.

"Smart city developers need to work closely with local communities to understand their preexisting relationships to urban place and realize the limits of 'technological fixes'. A first step is recognizing that technology alone will not fundamentally transform urban governance or necessarily improve quality of life for all residents."
Smart Cities
Germaine R. Halegoua

Germaine R. Halegoua. Smart Cities. MIT Essential Knowledge Series. Cambridge, Massachussetts: MIT Press, 2020.

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