FREIFUNK REGENSBURG

EIN NETZWERK IST MEHR ALS DIE VERBINDUNG VON KNOTEN

Wenn wir über Smart City reden und von den Möglichkeiten einer Stadt der Zukunft sprechen, vergessen wir oft, dass für eine faire Partizipation an allen Aspekten einer vernetzten Stadt der freie Zugang zum Internet eine Grundvoraussetzung ist. Die Initiative FREIFUNK kümmert sich darum, dass wir alle ein bisschen was von unserem eigenen Internet abgeben können, um es mit unseren Nachbar:innen und Freund:innen zu teilen: Ein Netzwerk eben, das mehr ist als die Verbindung von Geräten. Ein Netzwerk, mit dem man zum Teil einer Gemeinschaft wird.

Wir haben Bastian interviewt, der das Freifunknetz in Regensburg aufgebaut hat:

FREIFUNK

Die deutschsprachige Freifunk-Bewegung wurde 2003 in Berlin gegründet. Wikipedia sagt: „Freifunk ist eine nichtkommerzielle Initiative, die sich dem Aufbau und Betrieb eines freien Funknetzes widmet, das aus selbstverwalteten lokalen Computer-netzwerken besteht. […] Zu den Zielen gehören die Förderung lokaler Kommunikation, ein möglichst dezentraler Aufbau, Anonymität und Überwachungsfreiheit.“ [Quelle]

Freifunk ist dezentral organisiert und wird von ehrenamtlich betrieben; alle, die ihr Internet teilen möchten, können gefahrlos und rechtssicher mitmachen:

regensburg.freifunk.net

Bastian, berufliches Betätigungsfeld: IT.

Das Aufkommen der Freifunk Community Anfang der 2000er Jahre in Berlin habe ich aus der Ferne immer ein bisschen neidisch bewundert. Leider hat es in Regensburg nie eine kritische Masse und den Bedarf gegeben. Die Motivationslage war in Berlin damals auch eine völlig andere als heute und aus der Not heraus geboren. In Teilen der Stadt gab es schlichtweg kein DSL, und so hat man sich mit güngstigen WLAN Komponenten beholfen. Diese Situation gab es in Regensburg nie.

2013/2014 hat Freifunk dann bundesweit Impulse bekommen, möglicherweise durch die informationspolitische Gemengelage (Snowden, ACTA etc). Mit Freunden aus München, wo Freifunk dann schon besser funktioniert hat, habe ich mich dann dort technisch engagiert, und schliesslich ein paar Router mit nach Regensburg gebracht. Das begann dann in kürzester Zeit organisch zu wachsen, so daß ich nach ~30 Routern im Stadtgebiet von Regensburg unser „eigenes“ Netz, getrennt von der Münchner Infrastruktur, ausgegliedert habe. Das heisst: Eigene Server, eigene Software. Schnell haben sich auch einige Leute aus dem Umfeld der Binary Kitchen [Regensburger Hackspace, Anm. d. Red.] in dem Projekt engagiert, was zum schnellen Wachstum beigetragen hat.

Derzeit misst das Netz ~420 aktive Knotenpunkte, dieser Wert stagniert seit ca. einem Jahr, hier ist wohl eine gewisse Sättigung erreicht. Wir rühren aber auch aktuell überhaupt keine „Werbetrommel“ und machen keine Werbung in Presse und Politik, wie wir das in den ersten Monaten punktuell gemacht haben.

Nördlichster Punkt der von Regensburg aus unterstützten Freifunk-Knoten ist derzeit Waldsassen, südlichster Punkt ist Oberstdorf vor den Alpen. Die Nutzerzahl ist einer gewissen Saisonalität unterlegen, der Tageshöchstsatz liegt im Sommer derzeit bei rund 1.800 gleichzeitigen Nutzern im gesamten Regensburger Freifunknetz.

In diesem Winter 19/20 waren es täglich gleichzeitige 1.300 Nutzer, wenn keine Events stattfanden. Auch dieser Wert hat sich seit ca. 12 Monaten dort eingependelt.

Darüber kann ich nur spekulieren, wir haben hier noch keine seriöse Marktanalyse betrieben. Ein Punkt wird die Unkompliziertheit sein. Man muss keine Geräte beantragen, keine Verträge abschliessen, sondern kann sich einfach einen geeigneten Router beschaffen, unsere Software runterladen, installieren, einstecken, fertig. Die Abdeckung grösserer Flächen funktioniert unkompliziert durch automatische Signalüberlappung.

Ein weiterer Punkt wird die geklärte Haftungsfrage sein – durch seine technische Auslegung hat Freifunk als erste Lösung das Problem der Störerhaftung für seine Knotenbetreiber gelöst und anmeldefreies WLAN im öffentlichen Raum etabliert. Wir treten als Telekommunikations-Anbieter auf und sind als solcher bei der Bundesnetzagentur registriert und geprüft (und damit haftungsprivilegiert nach §§8-10 Telemediengesetz) wie jeder andere Hotspotanbieter auch.

Durch seine spezifische technische Auslegung und die Praktizierung von Datensparsamkeit, sowie der völligen Verzicht auf eine Authentifizierung (alleine schon aus Interoperabilitätserwägungen) ist eine Nachvollziehbarkeit von Zugriffen und damit verbundene Rückschlüsse auf einen Nutzer technisch schlicht und ergreifend nicht möglich. Diese Eigenschaften in Kombination machen das Netz zum einfachsten vorstellbaren öffentlichen WLAN.

Womit wir zum nächsten Punkt kommen: Die Verfügbarkeit von leistungsfähigem, unkompliziertem und kostenfreiem WLAN in Form von Freifunk und seine explosionsartige Ausbreitung seit 2014 hat entschieden dazu beigetragen, daß die kommerziellen Hotspotanbieter ihre, vor einigen Jahren teils gängelnden und unkomfortablen Anmeldeprozesse, zurückgebaut haben. Heute ist auch bei diesen in der Regel nur noch eine einfache Zustimmung nötig, um zumindest eingeschränkt surfen zu können.

Es hängt immer davon ab, wie ambitioniert man etwas für Freifunk machen will. Das fängt beim Aufstellen eines Freifunkrouters auf der eigenen Fensterbank für 40 Euro an und kann bis zur Errichtung eines Richtfunkstandorts mit Glasfaseranbindung gehen. Das kann dann auch schon Mal etwas teurer werden.

Grundsätzlich hat Freifunk in Regensburg am Anfang von ein paar Idealisten sicher ein paar materielle Anschubsubventionen im niedrigen 4-stelligen Bereich gebraucht, die waren aber fast beiläufig beisammen, jeder hat halt ab und zu ein bisschen was bestellt, was so benötigt war. Das waren in der Regel Materialien für Installationen (Router, Kabel+Schaltkästen, Richtfunkequipment). Recht schnell gab es dann aber auch Spenden von vielen netten Leuten, die sich dann auch summiert haben, mit denen wir nun technische Infrastrukturprojekte finanzieren konnten. Wir haben auch Hilfe aus der regionalen IT-Wirtschaft bekommen. So konnten wir beispielsweise einen wichtigen Richtfunkstandort bei einem regionalen Rechenzentrum in Regensburg realisieren. Hier haben wir nun ausreichend Bandbreite zur Versorgung der Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge in Regensburg. Bei einem WISP [Wireless Internet Service Provider] aus Regensburg haben wir kostenfreien Transit auf seinem professionellen Richtfunknetz bekommen, um einige abgelegen Plätze zu versorgen, und können sein Netz bei Events nutzen, wenn wir selbst vom Veranstaltungsort keine Datenübertragung in unser eigenes Backbone realisieren können, so zum Beispiel beim letzten Bürgerfest. Auch sehr hilfreich ist der kostenneutrale Rackspace den wir seit einigen Jahren bei Interxion in Frankfurt, einem der größten „Datenaustauschpunkte“ im deutschen Internet, nutzen können. Hier betreiben wir unsere Gateways, über die wir die Menge aller Datenübertragungen mit besten Latenzzeiten abwickeln. Das sind derzeit immerhin auch 30-40 Terabyte im Monat.

Im Grunde kann man schon eine Menge damit anstellen. Eventinfrastuktur, Feinstaub- und Lärmsensoren, Paxcounter, you name it.

Spezifisch für das Thema DIY/Urban Internet of Things (IOT) gibt es da noch ein mit dem FF thematisch lose verbundes Projekt: LoraWAN/TTN. Hiermit lassen sich extrem stromsparende Sensoren für das urbane Umfeld mit wenig Infrastrukturaufwand einrichten. LoRaWAN (Long Range Wide Area Network) verfügt über sehr wenig Bandbreite, aber sehr viel Reichweite. Somit ist bereits mit wenigen Gateways das gesamte Stadtgebiet zu erschliessen. An zwei Freifunk-Richtfunk Standorten in Regensburg (Zeisstower, KHG) werden bereits TTN (The Things Network) LoRaWAN Gateways betrieben. Hier gehen zwei Kommunikationsphilosophien Hand in Hand.

Vorstellbare Sensoren wären z.B. Parkplatzsensoren, mit denen man einen Echtzeitüberlick über die Saturierung der Verkehrsbandbreite/ Parkkapazität erlangen könnte, oder Paxcounter, mit denen man Heatmaps über Besucherströme messen, speichern und visualisieren kann.

Weiteren Support, insbesondere durch geeignete Dachstandorte. Während die Edge Infrastruktur (in der sich Endgeräte anmelden) schon ganz ordentlich und zuverlässig funktioniert, würden wir gerne den Richtfunkbackbone weiter ausbauen. Hier mangelt es in erster Linie an geeigneten Dachstandorten, auf denen wir ein kleines bisschen Strom bekommen können.

Vielen Dank lieber Bastian, für das ausführliche Interview!

Falls ihr euch für Freifunk Regensburg interessiert, oder mitmachen wollt, erreicht ihr Bastian und seine Mitstreiter online!

[Foto: Freifunk Regensburg]

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